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FORUM DER PSYCHOSYNTHESE

 

Bericht vom 5. Forum der Psychosynthese 2004 in Überlingen
'In der Seele liegt die Kraft'

Nachlese: Gedanken und Assoziationen

Es ist Adventszeit, Kerzenzeit, Ausklang des Jahres, Zeit zur Rückbesinnung. Da möchte ich gerne einen herzlichen, tief empfundenen Dank an das Psychosynthesehaus schicken. Es war schön, Euch in Eurer und durch Eure Arbeit auf dem Forum der Psychosynthese „ In der Seele liegt die Kraft " kennen zu lernen. Ich war dort wohl eine der Teilnehmerinnnen, die nicht in der Psychosynthese ausgebildet sind. Aber ich habe mich überhaupt nicht fremd gefühlt... Um mich richtig einlassen zu können und etwas von dem Forumswochenende vom 1. bis 3. Oktober 2004 zu haben, hängte ich vorne und hinten je einen Tag dran. So konnte ich vorab schon mal herausfinden, wo denn der Veranstaltungsort liegt. Eine „ alte Werft " als Tagungsort auszuwählen fand ich genial, die Assoziation von der „ Arche Noah " stellte sich ein, von Aufbruch und Überlebenskunst. Mit der Seenähe und dem schönen Restaurant mit Terrasse am Sportboothafen bekam der Ort eine Urlaubsnote in den Pausen. Auf solch charmantes Flair zu achten, ist für die tempo- und effizienzgeplagte Seelen Balsam. Herum sitzen, schauen, Menschen begegnen können, dabei essen und trinken - das hat was! Meine Pension befand sich nur einen halben Kilometer entfernt von der alten Werft, ein Glücksgriff. Auch in anderer Hinsicht war sie das. Die Besitzer, ein Therapeutenehepaar, zeigten sich sehr interessiert an dem Forum, beherbergten noch weitere Teilnehmer von dort. Ihr Haus befand sich direkt neben einem Haus mit einer Praxis, in der am Samstag eines der Seminare vom Forum stattfinden sollte... Sehr praktisch. So stimmte für mich schon mal der äußere Rahmen. Die Landschaft wurde vom schönen, spätsommerlich anmutenden Herbstwetter aufs beste ins Licht gesetzt. Wie ein Mantra gingen mir am Freitagnachmittag, als ich in Überlingen an der Uferpromenade einen Cappuccino zu mir nahm und das Zeithaben in dieser schönen Gegend und die Vorfreude aufs Forum genoss, immer die letzten zwei Verse der fünften Strophe von Hermann Hesses Gedicht „ Spätsommer " durch den Kopf.

„ ... Noch lacht der Tag, noch ist er nicht zu Ende,
Noch hält und schmeichelt uns das Heut und Hier. "

Das Ankommen beim Forum am Freitagabend war wunderschön. Hatte ich am Tag Energie getankt, unter anderem an dem Kraftplatz Bodensee, so spürte ich jetzt: hier treffen nach und nach ganz besondere Leute ein. Mein erster Eindruck der Menschen war: Ein Haufen lockerer, freundlicher Menschen, die sich untereinander duzen. Schön. Das war einfach. Da war keine Wand, sondern Offenheit, freudiges sich Begegnen und unkompliziertes sich Vorstellen. Plakate und Schilder an den Wänden luden ein zum spielerischen Zusammensetzen: „ ALLES - ZUM - SICH - WIE - WEBT - GANZEN". Es gab: einen großen ausgebauten Dachbodenraum mit Büchertisch auf dem Ullas neues Buch mit dem gleichlautenden Forumstitel zu finden war, einen Infotisch, Menschen in offenen Grüppchen. Dazu einen Stühlewald in geordneten Reihen, nach vorne ausgerichtet, wo zwei Sessel wie Throne auf einer Bühne gespannt machten auf den Einführungsvortrag. Sympathische Organisation und Ausstrahlung des Raumes, mit einer Ecke, in der Kissen und Decken zum Ausruhen und sich Zurückziehen einluden.

Und dann ging es los. Vorstellungsrunde der Teamer, locker, freundlich und heiter. So präsentierte sich dann auch Norbert Frey, der, assistiert von Karl Winter, den Einführungsvortrag „ Wie alles sich zum Ganzen webt " hielt. Ein Marathon - mit Pause freilich - aber sooo anmutend inhaltlich: eine Betrachtung der Psychosynthese mit Beispielen aus der Welt der Literatur. Wieder heiter, tief das Erinnern berührend und mit vielen Anlässen zum Schmunzeln und Lachen, mit hervorragender sprachlicher Führung. Die graphische Darstellung von Assagiolis „ Ei des Seins " als Plakat an der Wand, auf der jeweils gedeutet wurde, von welchem Wirk- Bereich in der Literatur bzw. ihrer Rezeption die Rede ist, unterstützte das Verständnis und knüpfte /webte im Zuhörer einen Teppich als Folie eines (neuen) Verständnisses von Texten, deren Ursprünge bis weit ins Mittelalter reichen, in denen die verschiedensten Seelenzustände beschrieben und von Norbert aufs Vortrefflichste sprachlich beleuchtet wurden. Ich war so glücklich satt nach diesem Vortrag und über seine Verknüpfungen in mir, dass ich eigentlich schon nach Hause hätte fahren können… Es war spät geworden an diesem Freitag, also ab in die Pension, ausgeschlafen und frisch gespannt am nächsten Morgen wieder erschienen. Der Samstag war Tag der Workshops, ich war, nach diesem Einführungsvortrag, total motiviert und wusste: es kann nur gut werden. Alle meine Kanäle waren offen, da konnte gar nichts schief gehen, ich befand mich mitten im Thema: fand Nahrung für die Seele - und begegnete auf Schritt und Tritt meinem Lebenssinn: freundlicher Präsenz und Freundin sein. Die stets freundlich heitere, menschlich so wohltuende Atmosphäre machte einem das Leben leicht! Auch als Fremder, denn alle anderen schienen sich ja untereinander zu kennen. Ich empfand aber keine Ausgrenzung oder Cliquenbildung, im Gegenteil. Die beiden Workshops, die ich ausgesucht hatte, waren „ Seelenreise in Bildern ", Ausdrucksmalen bei Irene Wickbold, und „ Der Wille der Seele: Lebenssinn" bei Ulla Pfluger Heist. Jetzt, kurz vor Weihnachten, denke ich noch tief berührt an beide Seminare zurück. Ich habe viel gelernt, auch von den anderen Kursteilnehmern, bin mir und anderen begegnet. Die Parabel mit dem Bild vom Hirten, der mit innerlicher Präsenz seine Herde zusammenhält, hat mich tief berührt und schwingt noch nach. Nach diesen Kursen stand - und das war zu schön, immer mal wieder jemand neben mir, gab mir eine nette Rückmeldung oder gar die Adresse. Neue Kontakte entstanden, witzige, kreative Verabredungen, inspirierende Menschen und Bereiche taten und tun sich auf, bis heute. Ich fühlte mich wie „ Zuhause ", wie angekommen.

Dazu zählten auch die Begegnungen mit Karl-Heinz Reichert und Ulla Pfluger Heist, die ich im Vorfeld des Forums, teils zwei Jahre zurückreichend, in ganz anderen Zusammenhängen erleben durfte… , damals kannten wir uns aber noch nicht, sondern bewegten uns nur zu schon mal auf gleichem Terrain ... Ullas Vortrag über transpersonale Psychotherapie auf einem Kongress in Bad Kissingen bewegte mich damals nachhaltig, so, dass mich das „zufällige“ Kennenlernen von Karl - Heinz im Mai diesen Jahres zu diesem Forum führte. Eigenartig, „ wie sich alles zum Ganzen webt “, wenn man sich führen lässt, auf seine innere Stimme hört.

Der gemeinsame Abend mit Essen und Unterhaltung, mit Sketchen, einer Tombola, Tanz, Gesang und Märchen zeugte von liebevoller und umsichtiger Vorbereitung, war aber dann für mich fast zuviel. Ich hätte eigentlich nichts mehr gebraucht, weil ich so zufrieden war. Erschöpft aber neugierig blieb ich dennoch bis zum Märchenabschluss in der Nacht und das war gut so, denn es war zauberhaft vorgelesen. Dazu Karl-Heinz zu erleben, singend mit Gitarre, Hut und voll Selbstironie, das brachte Spaß.

Am Sonntagmorgen war ein würdiger Abschluss geplant, der auch gelang. Man traf sich in Sternzeichengruppen zum Reflektieren und Austauschen, trat danach wieder als Plenum zusammen und webte in der Mitte wieder ein, was man erlebt hatte, mitnahm oder als Anregung dort ließ. Es war für mich interessant, dass dabei manchmal aus der Unsicherheit über die Darstellung des Erarbeiteten sehr viel Witz entstand und sich über das Eingestehen und Akzeptieren des Unsicheren (oder Unsichtbaren?) Kreativität, Geist und Humor den Raum eroberten und eine gelöste Gestimmtheit mit Witzen und viel Lachen am Ende stand - neben Arbeitsergebnissen, Nachdenklichkeit und warmem Gruppengefühl.

Bei solcher Vorgehensweise wie der Psychosynthese mit ihrer freundlichen Grundhaltung dem Menschlichen gegenüber gibt es am Ende kaum mehr Schatten – aber Heiterkeit.

Von einigen Persönlichkeiten, die ich dort traf, bin ich bis heute nachhaltig beeindruckt. Manche Erzählung, Äußerung, Inszenierung trägt und bewegt mich bis heute, z.B. die wunderschöne Klangmeditation, der zu lauschen an der Stelle des Abschlusses ein Genuss war. Und schön, dass im getanzten Abschlusskreis auch der Tod Platz hatte. Karl-Heinz erinnerte an einen Freund, der kürzlich verstorben war und in diese Runde mit hineingehört hätte. Für diesen Gedankengang war ich dankbar, denn durch den Tod meines Vaters, der erst sechs Wochen zurücklag, war ich noch ganz im sensiblen Feld der Leb- Endigkeit, der Verletzlichkeit auch. Da tat es gut, wenn dieser Bereich des Lebens mit seinen traurigen Seiten einen wertschätzenden, selbstverständlichen Raum erhielt. Er war zeitlich kurz - aber ich spürte, da ist eine Person, die wichtig war für diese Gruppe, sie wurde mit hinein genommen ins Thema ... Leb- Endigkeit und Heiterkeit - ein weites Feld. So stellte sich mir, breit wie ein bunter Fächer mit vielen Facetten, dieses Forum der Psychosynthese dar.
Leicht schmunzelnd denke ich heute manchmal: es war wie ein Druidentreffen am magischen Ort (dem Bodensee mit dem geomantischen Herzmeridian). Ich schöpfe viel Hoffnung und Zuversicht aus dieser Begegnung mit so vielen Gleichgesinnten, Menschen, die diese wertschätzende und heitere Grundhaltung haben, diese in ihre Arbeit, in ihrem Alltag, wo auch immer sie stehen, hineinfiltern...

Ein Abschlussgedanke: Beim Verlassen des Grundstücks der alten Werft hielt sich am Sonntag in den Pappeln der Uferstraße ein riesiger Schwarm Stare auf. Es müssen Tausende gewesen sein. Sie nahmen sich schwarz aus vor dem strahlend blauen Himmel und dem gelben Pappellaub, es war ein Schwirren und Gezeter, direkt unheimlich. Das berührte mich im Mark. Auf den Schlag fiel mir das Gedicht Hesses wieder ein. Da waren sie wieder, die Worte „ ... Noch schmeichelt uns das Heut und Hier ". Durch den Krach der Stare war meine Aufmerksamkeit zugespitzt, ich hatte das Bewusstsein plötzlich auf dem ie-Laut des Hier, ein aufmerksam machender Vokal. Es heißt nicht beruhigend „ Hier und Heut ", nein, umgekehrt… Da wehte mich etwas Numinoses an und brach die „ schmeichelnde Wirklichkeit “ - ich nahm es wahr und wusste: das muss allen hier aufgefallen sein, dieser „ Vogelgesang " wird alle noch mal verbinden, unmerklich fast, jeden auf seine Denk- und Fühlweise. Für mich war's: Abschied, das Erinnern: wo Licht ist, ist auch Schatten, und: eine große Reise beginnt, zu deren Antritt sich die (Seelen)-Vögel hier treffen. Der Sommer war mit diesem schönen Tag zu Ende. Tröstlich kamen in mir - und dabei musste ich nach innen lächeln, Norberts Worte für die Schlussrunde in den Sinn: „ komma lassa, sei lassa, ganga lassa ", zu deutsch: „ kommen lassen, sein lassen, gehen lassen ".

Nocheinmal ein herzliches Danke allen, die mich auf lange Sicht so inspiriert haben, besonders den Vieren aus dem Psychosynthesehaus: Ulla, Karl-Heinz, Gertraud und Karl, aber auch Norbert, Irene, Elke und all denen, die in mein Herz kamen, es gar nicht merkten, aber meine Seele berührten. Es waren viele! In diesem Sinn: möge Euer aller Weihnachtsfest schön und das Jahr 2005 für Euch gut werden.



Mit herzlichem Gruß
Angela Teichmann
 
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